
Wer hat eigentlich die manuellen Obstwaagen wieder auferstehen lassen und vor allem: warum? Hierfür gibt es für mich nur eine plausible Erklärung, deren Herkunft nicht eindeutiger sein könnte.
Vor nicht allzu langer Zeit hatte ich das Vergnügen, dass in der unmittelbaren Nähe meines zeitweisen Aufenthalt- und Verweilortes ein neuer Supermarkt einer etablierten Marke eröffnete. Die Besonderheit neben der unglaublich ökologischen Optik waren die Abrechnungsmaschinen für die Einkäufe. Anstelle der pseudogemütlich erscheinenden Sitzstühle hinter der Geldschublade darf das Personal an den neues Systemen, die bestimmt auch nicht mehr einfach Kasse, sondern Terminal oder so ähnlich heißen dürfen, an einfachen Hockern stehen oder so etwas wie sitzen. Das weiß ich nicht. Was ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht gesehen habe, sind die überholten Geldschubladen, an deren Stelle ein Touchpad gerückt ist und nur noch eine Hand voll Scharten zum Einführen der Metall- und Papierwährung. Auf der anderen Seite der Kasse, auf der Kundenseite, eine ähnliche Vorrichtung, aus der Kunden das Wechselgeld auffangen oder mit viel Glück nur einfach entnehmen. Betrug oder Pfanddiebstahl ist damit wohl ausgeschlossen. Obstwagen gibt es an diesen Kassensystemen auch nicht mehr. Soviel also zum Hintergrund meiner Annahme, dass an der Autorität des Personals gestutzt wird.
Jetzt ist es ja so, dass ich noch nicht allzu lange das Glück habe, auf dieser Welt zu leben und empfand das leidige Abwiegen von Obst und Gemüse – das mussten die Kunden in meiner Kindheit noch alles eigenhändig erledigen – immer als unnötig und zeitraubend. Automatische Kassen, die eine Waage eingebaut hatten konnten das ohnehin viel genauer und schneller. Für die Profitierenden war die Umgewöhnung wohl einfach, denn der Supermarkt hat irgendwann einfach keine von Kunden zu bedienenden Obstwaagen mehr aufgestellt und so blieb ihnen nichts anderes übrig, als mit dem Ungewogenen an die Kasse zu ziehen. Jetzt – und das ist mir mittlerweile schon in drei vollkommen unabhängig zu einander stehenden Supermärkten vorgekommen – lebt die manuelle Obstwaage aber wieder auf und ich habe das nicht mitbekommen. Ich gehe einfach mal davon aus, dass die wandlungsbereiten Supermärkte diese Änderung groß und deutlich ihren Kunden über die Vielzahl der ihnen zur Verfügung stehenden Kanäle mitgeteilt haben und ich das einfach überhört, überlesen oder anders übersehen habe. Ich bin mir sogar sicher, dass das irgendwo stand, denn seit ich mich erinnern kann, habe ich regelmäßig Mitteilungen von den Supermärkten im Briefkasten, sehe TV-Spots (also ich jetzt nicht, weil ich kein TV-Empfangsgerät besitze), lese Zeitungsanzeigen, vermute bunte Anzeigen hinter meinem stählernen Spamfilter im Browser und so weiter. Irgendwo werden sie uns Kunden das also wohl mitgeteilt haben. Jedenfalls sind diese öffentlichen Kundgaben vollkommen an meinem Bewusstsein vorbeigeschlittert und so bin ich also nichts anhnend in den Supermarkt und wollte Obst und Gemüse kaufen, wie ich das schon immer mache.
An der Kasse angekommen stellte das aufmerksame und wache Personal also fest, dass ich “tatsächlich nichts gewogen” habe. Wieso auch? Computer können das doch schon. Entnervt meines Kleingeistes und wohlwissend der anstehenden Menschenschlange machte sich die Frau Kassiererin auf den Weg zur Waage und praktizierte das, was uns die Computer schon vor einigen Dekaden an Arbeit abgenommen haben. Sie wog, klebte Aufkleber mit Barcode und scannte diesen anschließend vollkommen außer Atem in das altneue Kassensystem ein. Nachdem ich bezahlt habe, wusste ich nicht so recht, ob ich ein schlechtes Gewissen haben sollte.
Auf dem Weg zum heimischen Kühlschrank erblickte ich aber dann ein Plakat mit der werbenden Aufschrift »DU bist nice price«. Und erschrak.
Ich könnte jetzt hier noch mit verdammter Gewalt versuchen ein Fazit rauszupressen, lass das aber und stelle stattdessen lieber fest, dass die Zukunft sich ein bisschen dynamischer gestaltet als wir das verarbeiten können. Wir schreiben stattdessen ins Grundgesetz, dass wir die Religion vom Staat trennen, verlangen von potentiell gewillten Einsiedlern, dass sie diese Grundgesetze anerkennen und laden uns dann, ein christliches Kirchenoberhaupt ein, eine mahnende Rede im Zentrum der exekutiven Staatsgewalt zu halten. Wir demonstrieren und bringen innovative Unternehmen dazu dem technologischen Fortschritt zu entsagen, indem wir regelrecht protestieren gegen die Veröffentlichung einer bildhaften Darstellung unserer Hausfassaden. Was meiner Wahrnehmung nach zudem vollkommen legal ist. Wir schaffen uns das Leben erleichternde Computersysteme in Supermärkten ab, weil wir Angst haben dass wir übers Ohr gehauen werden und fordern stattdessen die Wiederherstellung des Altbekannten. Und bekommen es, anstatt das System weiterzuentwickeln und anzupassen. Wir sind nicht mehr empfänglich für fragmentierte Informationen, die zur Vollkommenheit weitergedacht werden müssten und lassen uns lieber mit schlechter Werbung locker, die wir nicht nur akzeptieren, sondern uns eine Freude damit bereiten, über ihre Sinnlosigkeit zu debattieren.
Vielleicht gab es ja jemanden, der die Zukunft schon gesehen hat und als er das tat, drehte er sich um, ging zu den anderen und erzählte ihnen davon. Er sah dass es ihm nicht gefallen hat und überredete die anderen in der Art, dass sich das Kollektiv umdrehte und sich wieder auf den Weg in die Vergangenheit machte. Nur so kann ich mir das alles erklären.